Definition neuer visueller Lernszenarien
Wissen ist zu einer Ressource geworden. Wir leben in einer Wissensgesellschaft, bieten Wissensservices an und führen Wissensarbeit durch. Wissensarbeit findet heute meist auf digitalen Dokumenten statt, aber gedruckte Medien behalten ebenfalls ihre Berechtigung als bevorzugte Lesequelle für den Neuerwerb von Informationen, die in Wissen transferiert oder mit schon existierendem Wissen verlinkt werden können. Dieselben Grundprozesse werden auch in Lehr- und Lernszenarios durchlaufen. Das Teilen von Wissen, welches hier stattfindet, wird vom Lehrer geleitet und durch Vorlesungen, Übungen und Dokumente unterstützt. Diese können die Form von Präsentationsfolien oder übriger Literatur haben, aber auch von studentischen Hausarbeiten, Essays oder gar Klausuren. Somit verstehen wir Lehr- und Lernprozesse als Wissensarbeit.
In diesem Sinn ist der Schreibtisch der klassische Ort, an dem Wissensarbeit verrichtet wird. Hier werden Wissensbestände abgelegt, in Beziehung gesetzt, editiert oder erzeugt. Die Tischoberfläche wird genutzt, um die Dokumente einem persönlichen Ordnungsprozess folgend auszubreiten. Was für andere wie ein Chaos wirken mag, ist für den Ersteller eine strukturierte Arbeitsumgebung, die mentale und physische Beziehungen einschließt. Dokumentenarrangements unterstützen uns dabei, Resultate aus dem komplexen Netz von Vermutungen und Bewertungen, die schon im Gehirn vorformuliert sind, zu gewinnen. Ihre Position kann zum Beispiel die Signifikanz für den momentanen Arbeitsprozess oder den Grad ihrer Erschließung bezüglich eines spezifischen Kriteriums darstellen. Das Wissen, welches in Arrangements steckt, kann nur schwerlich vermittelt werden. Sollte eine dritte Person den Schreibtisch „aufräumen“, ist die private Strukturierung verloren und die Produktivität des Erzeugers erlahmt.
Dokumente in virtuellen Räumen können in gleicher Weise arrangiert werden, aber sie können auch kooperativ von verteilten Orten genutzt werden. Effiziente Kommunikation und ein Verständnis des Arbeitsprozesses sind für erfolgreiche Ergebnisse nötig. Das versteckte Wissen, das sich in der Position eines Dokuments ausdrückt, sichtbar zu machen, ist das Ziel von Semantischem Positionieren. Somit wird es möglich, ein Dokument in Bezug auf seine Position in mehreren Kontexten, die Aspekte seines Inhalts grafisch visualisieren, zu bewerten. Ein einfaches Beispiel ist eine Menge von Dokumenten, die vor einem Farbverlauf zwischen zwei extremen Meinungen platziert werden. Ist ein Objekt näher an Meinung A, kann man annehmen, dass sein Inhalt eher diese Meinung unterstützt. Innerhalb des Forschungsfeldes ist eines der Ziele, grundsätzliche Arten der grafischen Darstellung von Beziehungen durch Position zu finden und zu unterscheiden. Im letzten Jahr haben wir ein entsprechendes Framework aufgestellt, das vier grundsätzliche Typen von Arrangements unterscheidet und beschreibt, wie Mark-Ups und Kombinationen der Arrangements genutzt werden können, um weitere Informationsdimensionen abzubilden.
Noch interessanter ist es darüber nachzudenken, wie die Position eines Dokuments (in Beziehung zu anderen oder vor einem Kontext) vom Computer ausgewertet werden kann, um bestimmte Resultate zu erreichen. In einem einjährigen von uns betreuten Projekt hat eine studentische Projektgruppe so zum Beispiel einen Weg entwickelt, wie Tags grafisch durch Platzierung von Dokumenten in drei unserer Grundarrangementtypen (Topologien, Mereologien und Kombinatoriken) zugewiesen werden können. Weitere Forschung geht in Richtung von responsiven Szenarios, in denen beispielsweise durch das Ziehen eines Dokuments von einer Box in eine andere dieses mit bestimmten Voreinstellungen publiziert wird. Semantisches Positionieren erlaubt die einfache Definition interessanter und komplexer grafischer Lernszenarien.

Derzeit umgesetzte Arrangement-Typen im Medi@rena Composer.

